Trans* und Lebensbegleitung

... denn die Modelle des 19. und 20. Jahrhunderts zur Begleitung von transidenten Menschen taugen nicht mehr. Begleitet wurden sie im 19. Jahrhundert in einem Mix mit Homosexuellen als genetisch minderwertige "Stiefkinder der Natur" (Richard von Krafft-Ebing). Dann wurden sie spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu "Patient_innen", die sich im Rahmen der psychotherapeutischen / psychiatrischen Betreuung im Sorgenfundus des Fürsorgestaates wiederfanden. Und indem bis 2011 in Deutschland für die Personenstandsänderung eine Unfruchtbarmachung und geschlechtsangleichende Operation gefordert wurde, warf das rassenhygienisch tingierte 19. Jahrhundert seinen Schatten bis in die Jetztzeit...

Und jetzt funktioniert eben dieses zweite Modell auch nicht mehr. Transidente Menschen sind nicht krank. 80 % von ihnen brauchen keine Psychotherapie. Die restlichen 20% kämpfen entweder mit sekundären Störungen, die ihnen durch die Konflikte mit einem ablehnenden sozialen Umfeld zugefügt wurden oder sie gehören zu jenen Mitbürgern, die eine psychiatrische Erkrankung haben - gemäß dem Bundesdurchschnitt. Die Konsequenzen für die Psychotherapeut_innen, zur Zeit noch die "Gatekeeper" für weitere medizinische Massnahmen, sind gravierend. Denn es geht zu 80% nicht mehr um "Behandlung". Es geht vielmehr um eine "Lebensbegleitung" auf Augenhöhe mit der "Klient_in", die eine Hilfestellung im Umgang mit - und in der Integration in - eine Gesellschaft braucht, die auf das binäre Geschlechtermodell ausgerichtet ist.

Dies bedeutet, dass die Psychotherapeut_in sich auf ein anderes Modell umstellen muss. Es geht darum, die Selbstreflexion des transidenten Menschen und sein "Rausgehen" im Zielgeschlecht zu begleiten. Es geht darum, zusammen mit der Klient_in diejenige Position auf der Skala zwischen gelegentlichem Cross-dressing auf der einen und einer weitgehenden körperlichen und sozialen Geschlechtsangleichung auf der anderen Seite herauszuarbeiten, in der die Klient_in glücklich lebt. Es geht darum, der Klient_in das "Drüberstehen" zu ermöglichen, das die Transition als wichtiges Lebensereignis begreift, aber dennoch offen ist für die verschiedenen Perspektiven des gesellschaftlichen Lebens. Eingeschlossen ist hier der Umgang mit jugendlichen transidenten Menschen und ihren Angehörigen, ferner auch mit alten transidenten Menschen und ihrer besonderen Lebenssituation und generell mit dem gesellschaftlichen Umfeld des transidenten Menschen.

Das ist eine große Herausforderung: Nicht nur, dass die Therapeut_in Wissen über das Phänomen Transidentität haben muss, nicht nur, dass sie Erfahrung im Umgang mit transidenten Menschen braucht, mit den verschiedenen Herausforderungen an die Lebensbewältigung - und nicht nur, dass sie über die Kontakte verfügen muss, um Klient_innen an weitere Helfer_innen weiterzuvermitteln. Es geht auch darum, Eigeninitiative zu ergreifen, um mit verschiedenen Stellen des medizinischen Hilfsapparates, mit Endokrinolog_innen und Chirurg_innen sowie mit Behörden zu diskutieren und notfalls auch zu streiten, um die Rechte der Klient_in zu vertreten. Es geht darum, der Klient_in den Rücken zu stärken - ohne sinnlose Gutachten, sondern im Rahmen eines blanden Überweisungssystems, das auch Endokrinolog_innen und Chirurg_innen eine Sicherheit gibt, um ihre Massnahmen auch vor sich selbst verantworten zu können. Ein wichtiger Punkt in diesem System ist die Peer-Beratung durch Gleichgesinnte, aber darauf gehe ich in einem anderen Threat ein.

Geht das alles nicht, weil wir doch "Diagnosen" brauchen, um "behandeln" zu können? Der geplante neue internationale Diagnoseschlüssel 11 für den medizinischen Umgang mit Krankheiten (ICD 11) wirft die Transidentität aus dem Bereich des Krankhaften hinaus! Die Europäische Union tritt für eine Entpathologisierung der Transidentität ein. Das vielbemühte Sozialgesetzbuch V, das als Begründung für die Pathologisierung herhalten muss, ist dazu untauglich: In § 11, Absatz 1 liest man, dass Versicherte einen Anspruch auf Leistungen haben, wenn es um die "Verhütung und von Krankheiten und von deren Verschlimmerung" geht. Wer transidenten Menschen in ihrer Transitition hilft, verhütet Krankheiten. Irgendwann ringt sich hoffentlich auch Berlin dazu durch, offen für die Achtung der Menschenwürde von transidenten Menschen einzutreten, indem die freie Wahl des Geschlechtes und die Abschaffung des Transsexuellengesetzes (TSG) umgesetzt wird.

Ich hoffe, dass wir auf der Tagung in Frankfurt mit der Diskussion über einen neuen Zugang für die Psychotherapie in Sachen Lebensbegleitung transidenter Menschen beginnen können!

Liebe Grüße,

Eure Livia

 

 

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Kommentare

Kommentar von Johanna Arnold |

Seit meiner letzten Therapiesitzung am vergangenen Freitag und durch Aussagen verschiedener Mitbetroffener, und nicht zuletzt aus einem Eigenempfinden, ist mir mittlerweile klar, daß meine Psychotherapie gar keine ist, sondern sich längst zu einem Coachng entwickelt hat.

Antwort von Livia Prüll

Ich denke, so sollte es auch sein. Mich freut es sehr, dass es auch solche Kommentare wie Deinen gibt. Denn leider ist das nachwie vor nicht selbstverständlich. Problematisch ist vor allen Dingen der tiefenpsychologische Ansatz, der de Ursache für Probleme in Fehlentwicklungen der Kindheit sucht und fortwährend pathologisiert. Das kann dann zu regelrecht menschenverachtendem Verhalten führen, indem nicht nach den Ressourcen bei der Klient_in gefragt wird, sondern mit Blick auf das Negative dessen Aufarbeitung verlangt wird. Auf diese Art kommt man aus der Schiene der Pathologisierung nicht heraus. Aber es gibt genügend Anzeichen, dass sich auch in der Psychotherapie da etwas ändert....

Und Dein Kommentar zeigt das ja auch....

Weiterhin alles Gute,

Livia

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