Widerstände und die Kraft aus uns Selbst...
Immer wieder ergeben sich schwierige Konstellationen und ich brauche diese Punkte kaum aufzuzählen: Der Alltag, der Umgang mit medizinischen Helfer_innen, rein praktische Dinge. Dann aber auch: Wie definiere ich mich, wer bin ich? Wie will ich als transidenter Mensch in der Gesellschaft erscheinen, was halten die Leute von mir? Halte ich den Druck aus? Und dann die Diskriminierungen, und auch: Die Angst vor Diskriminierungen, die Angst vor Gewalt gegen uns. Das Letztere scheint manchmal genauso schwer zu wiegen, weil es uns hemmt, nach Draußen zu gehen. Die ganzen existentiellen Probleme rund um Familie und Arbeitsplatz, 20 % aller transidenter Menschen sind arbeitslos.
Die Aufzählung liesse sich erweitern. Ich will sie garnicht fortführen. Vor allem taucht dann die Hoffnung auf: Es wird besser werden, einmal wird es aufhören. Irgendwann mal bin ich "durch".
Nein, durch bin ich erst, wenn ich in der Kiste liege, vorher nicht. Immer wieder werden Herausforderungen kommen. Auch werden kleinere oder manchmal sogar größere Rückschläge kommen. Sollte ich nun deswegen in Hoffnungslosigkeit verfallen? Nein! Denn wir haben doch ein so großes Geschenk bekommen. Dieses Geschenk ist eine Offenbarung, die uns gegeben wurde. Wir haben irgendwann in der Tat den Augenblick erlebt, wo das "In sich Hineinhorchen" einen Ruf vernommen hat, der uns zugesandt wurde. Das war nicht irgend etwas, um das es hier ging, sondern es war ein wichtiger Teil unseres "Selbst", dass hier entschlüsselt wurde, die Frau (Trans*frau) oder der Mann (Trans*mann), der hier aus dem Gefängnis entlassen wurde, oder ein drittes, jemeiniges Geschlecht, dass sich mir in seiner Einzigartigkeit zeigte. Diese Entlassung in die Welt ist der Zugang für viele Möglichkeiten des Handelns, des Fühlens und des Einfühlens.
Wir müssen dieses Geschenkes aber immer wieder erinnern. Hilfreich ist hier, was der Philosoph Paul Tiedemann einmal über das "Ich" und das "Selbst" geschrieben hat: Mit dem "Ich" organisieren wir uns in der Welt, um uns gewissermassen "passfähig" zu machen. Wir wissen, was wir zu welchen Gelegenheiten anziehen müssen, wir wissen, wie wir uns wo verhalten sollten, dass wir in der Gesellschaft unseren Part spielen können. Aber wir haben auch ein "Selbst", unsere ureigensten Wünsche und Triebe, unsere innersten Bestrebungen, unsere Kernidentität. Eine absolute "Selbstverwirklichung" ist aber nicht möglich, denn mit so manchem Wunsch der eigenen Entfaltung, mit so mancher Wut und so manchem Zorn würden wir in der Gesellschaft anecken, mache Wünsche können wir nicht realsieren, weil unsere Stabilität im Hier und Jetzt extrem gefährdet wäre. Sinnvoll zu leben ist es aber nun, möglichst weit in das "Selbst" vorzustossen, um mit sich eins zu werden und seiner Umwelt dann auch wieder aus vollster Zufriedenheit viel zurückzgeben zu können.
Genau dass aber tut der Trans*mensch, indem er einen wichtigen neuen Teil seiner Kernidentität entdeckt, indem sich das Selbst offenbart (denn wichtige Teile des Selbst lassen sich nicht willentlich "abrufen"). Das bedeutet aber auch, dass man als Trans*mensch mit dem Prekären sein Leben lang umgehen muss. Denn je mehr man in das Selbst vorstösst, umso prekärer lebt man. Viele bewundern einen als mutigen Menschen, viele bestaunen einen wie eine exotische Frucht oder wie ein Zootier, einige schauen bewußt weg, andere greifen einen bewußt an. Aber wie auch immer: Man bleibt ein "anderer Mensch" im wahrsten Sinne des Wortes, im Sinne des sich Abhebens vom Durchschnittlichen. Das ist oft ein Ansporn, weil man auch für andere neue Dimensionen erschließen und sich einbringen kann. Manchmal jedoch macht es Angst. Das klassische Problem vor dem Coming out: Verkrafte ich das, oder: verkrafte ich es nicht und habe ich Angst vor Agression bzw. Widerständen gegen mich?
Nun gibt es ja Strategien, wie man mit Widerständen umgehen kann und das "Selbstbewusstsein" wächst auch im Rahmen der Angleichung. Aber man muss damit leben können, dass man "anders" ist - einerseits sich wehren können, andererseits aber auch eine "dicke Haut" bekommen, die subtile Diskriminierungen wegsteckt: "Zum einen Ohr rein, zum anderen raus...." Denn wir haben den Weg nicht gewählt um unglücklicher, sondern um glücklicher zu werden. Und das geht auch im Rahmen dieser Prekarität, mit der man lernen kann umzugehen!
In diesem Sinne gehen wir weiter mutig und aufrechten Schrittes durch die Welt. Wir machen das Allerbeste aus der Kondition mit der wir auf die Welt gekommen sind. Transidentität ist keine Eskapade eines wankelmütigen Charakters sondern Schicksal sowie dann auch eine Gabe und eine Chance, ein Quell der Freude und eine Bereicherung. Es ist aber auch eine Herausforderung und der jeweilige Mensch hat die Verantwortung vor sich und seiner Umgebung, damit konstruktiv umzugehen...
Es grüßt Euch
Eure Livia