Transidentität in der jetzigen Diskussion

....denn zu widersprüchlich sind die Botschaften, die gesendet werden. Da liest man in einem Spiegel-Artikel (siehe mein letzter Thread) im Rahmen eines Interviews mit einem Psychotherapeuten von einem Anwachsen von Trans*jugendlichen und "Sorgen", die man sich machen müsse, man liest von vorschnellen "Diagnosen". Namhafte Psychotherapeuten gaben eine öffentliche Gegenstellungnahme ab. Dann hört man von dem neuen Gesetz zum "Dritten Geschlecht", dass nur für intersexuelle Menschen da sei - also für solche, deren Inkongruenz von einer seit Geburt vorliegenden Uneindeutigkeit des körperlichen Geschlechts herrührt. Oder ist es auch für transidente Menschen da? Die konnten einen Weg finden, aufgrund einer Uneindeutigkeit des Gesetzes den Personenstand auf direktem Weg mit ärztlichem Attest beim Bürgerservice ohne Gutachten ändern zu lassen. Der Riss im Umgang mit Trans* zieht sich durch die Große Koalition: Familienministerin Giffey will das Transsexuellengesetz im Sinne des Entscheidungsrechtes eines jeden einzelnen Menschen reformieren, während das Bundesinnenministerium die Option des Dritten Geschlechtes nur für intersexuelle Menschen gelten lassen will. In den Medien wird jetzt die verzweifelte Suche nach dem Umgang mit dem Thema sichtbar. Was will unsere Gesellschaft?

Dazu einige Gedanken: Letztlich entscheidet immer die Mehrheit der Gesellschaft, was sie möchte und was sie nicht möchte. Das nicht nur mittels Wahlen sondern auch durch den Habitus im Umgang mit den Dingen. Autoritäre Regierungen, und seien sie noch so autoritär, können derartige Entscheidungen zwar über Jahre blocken, verhindern können sie sie aber letztlich nicht. Unsere Gesellschaft hat sich entschieden, spätestens seit der Jahrtausendwende. Trans*menschen bewegen sich im gesellschaftlichen Alltag. Sie haben Probleme und werden noch diskriminiert, aber sie werden doch grundsätzlich akzeptiert. Als geschätzte Kund_innen, aber längst nicht mehr nur. Auch als Mitschüler_innen und Mitarbeiter_innen. Die Schreiberin dieser Zeilen kann als Dozentin auftreten. 40 Jahre früher wäre das nicht geduldet worden. Große Teile der Politik unterstützen diesen Prozess, unter anderem auch in der korrekten Annahme, dass es hier auch um Verteidigung der Demokratie geht.

Es hat sich also etwas verändert. Da es sich um einen gesamtgesellschaftlichen Prozeß handelt, bedeutet das aber auch, dass umgekehrt die transidenten Menschen NICHT die Macht haben, die Gesellschaft allein nach ihren Wünschen zu verändern. Auch wenn immer mehr Jugendliche sich als transident melden - die Gruppe an transidenten Menschen wird immer überschaubar bleiben. Zur Zeit sind es ca. 200.000, so viele wie Postmitarbeiter_innen. Und muss man sich da nun ernsthaft "Sorgen" machen? Ist diese Gruppe dafür verantwortlich, dass die idealisierte Kleinfamilie als Kern der Gesellschaftsordnung gefährdet oder gar abgeschafft wird? Zu fragen ist dann: Wer redet denn in diesem Zusammenhang über die Väter, die den ganzen Tag in ihrem Büro sitzen und sich nicht ihren Kindern widmen? Wer redet über die Scheidungsrate, die die Kleinfamilien zerschlägt? Wer redet denn über die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und die Globalisierung, die Arbeitnehmer an ferne Orte zwangsversetzt und Famiien auseinanderreisst?

Diese Fragen zu beantworten, ist viel zu kompliziert. Es würde sich ja letztlich zeigen, dass es eben auch unsere Gesellschaft in ihrer Gesamtheit ist, die die Existenz der Kleinfamilie bis zu einem gewissen Grad in Frage stellt. Viel einfacher ist es, transidente Menschen als Buhmenschen zu herzunehmen. Deren Vermehrung muss dann als "Modeerscheinung" bekämpft werden, weil sie es vermeindlich sind, die traditionelle Werte zerstören. Dabei nimmt man dann sehenden Auges die Zerstörung von deren Leben in Kauf. Denn es wird nur gefragt, wie gefährlich es ist, einem jungen Menschen zeitweise Pubertätsblocker zu geben, wie stark man einem Menschen schaden könne, wenn man seinem Wunsch nach Geschlechtsangleichung nachgibt. Es wird nicht gesehen, dass diejenigen, die den Schritt bereuen, auch unter moderat betreuten Jugendlichen bei unter 1 % liegt. Es wird nicht gesehen, wie man diese Menschen beschädigt und zum Teil deren Leben zerstört, wenn man ihnen diese Maßnahmen vorenthält. Während hier die Kosten-Nutzen-Relation sehr eindeutig ist, werden diagnostische und therapeutische Verfahren in der Medizin zur Bekämpfung von Krankheiten hingenommen und sogar mit großem finanziellen Aufwand durchgeführt, obwohl deren Nutzen fragwürdig ist: Bei dem bundesweiten Mammographie-Screening-Programm wird für jede Frau prophylaktisch ein Termin ausgemacht, den man widerrufen muss. Das obwohl das Verfahren umstritten ist und ein beigelegtes Faltblatt notwendig ist, um Überzeugungs- und Überredungsarbeit zu leisten. Dies besagt, dass potentiell bei 0,5 % der Frauen Krebs verhindert wird, bei 0,9 bis 1,2 % aber wird "überdiagnostiziert", d.h. potentieller Brustkrebs wird befundet - mit entsprechenden Konsequenzen für die betroffenen Frauen, die dann zuweilen sinnlos therapiert werden. Bei 0,1 % der Frauen wird Brustkrebs durch die Untersuchung sogar potentiell hervorgerufen. Fazit: Die Wahrscheinlichkeit einer unnötigen Behandlung von Brustkrebs ist über doppelt so hoch wie die rechtzeitige Entdeckung eines Brustkrebses.

Diese Widersprüche zu diskutieren, ist viel zu gefährlich: Es würde sich ja letztlich zeigen, dass es keine rationalen Gründe gibt, um anderen Menschen ihre eigene Identitätsfindung abzusprechen und sich die Arroganz zu erlauben von außen zu diagnostizieren bei wem Frau- und Mannsein in der Gesellschaft zugelassen wird. Man würde zugeben müssen, dass der Untergang des Abendlandes nicht durch geschlechtliche Diversität herbeigeführt wird, sondern dass es letztlich Gift für unsere Demokratie ist, letztere zu unterdrücken. Man müsste zugeben, dass es eigene diffuse Ängste vor einem fehlenden Halt in einer immer komplizierter werdenen Welt sind, die einen zäh daran festhalten lassen, dass die rigide bipolare Mann-Frau Geschlechterordnung (in der Reihenfolge der Wertigkeit genannt, die so manche(r) unterlegt) eine zeitlose Konstante sei.

Es ist eindeutig: Die Gegner einer frei gelebten Transidentität haben tief sitzende emotionale und nicht rationale Gründe, um sich gegen transidente Menschen zu wenden. Die Entscheidung der meisten Menschen in unserem Land im Umgang mit Trans*menschen ist eben aber eine andere. Viele sehen, dass Trans*menschen nur das haben wollen, was sie selbst seit der Geburt haben, nämlich eine kräftigende und gesund machende Einheit von körperlichem und psychischem Geschlechtserleben. Sie sehen, dass Trans*meschen ihr eigenes Leben leben wollen wie sie auch, mit denselben Freuden und Nöten, die sie selbst kennen. Sie erkennen, dass Trans*menschen nicht "Frau" und "Mann" abschaffen wollen, sondern dass diese den mehrheitlichen Wunsch der Gesellschaft akzeptieren und nur für sich selbst Akzeptanz einfordern. Sie sehen den Trans*menschen im ganz normalen Alltag.

Es ist eindeutig: Die größte Macht, die Trans*menschen haben, ist ihr schlichtes Dasein und Sosein im Alltag, ihre gelebte "Normalität". Ihr bestes Argument ist die Offenheit ihrer Haltung und ihr authentisches Auftreten, dann auch ihre Konsensfähigkeit gegenüber ihren Mitmenschen. Und es ist auch ein eigener Rückhalt. Bei Frustrationen und Diskriminierungen in Verzweiflung verfallen? In diesen Momenten ist es wichtig, sich als Trans*mensch an seine eigenen Ressourcen zu erinnern - und an die sozialen Netzwerke, in die man als wichtiger Teil eingebunden ist. Sind es denn nicht doch einige Cis*-Menschen, die mich unterstützen? Schätzen mich denn nicht viele als Mensch? Wir haben unsere Inseln, in denen wir uns aufhalten - und in denen wir Routine und Alltag leben!

Viele Grüße,

Eure Livia

(Foto: Rimbach, Mainz; copyright: Livia Prüll)

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