Trans* und Kirche

Trans* und Kirche haben auf mehreren Ebenen Bezugspunkte.

Einmal sind es ganz individuell die biographischen Erfahrungen: Meine Mutter stammt aus einer norddeutschen Pfarrersfamilie und ich bin in und mit der evangeiischen Kirche aufgewachsen, es wurde dann aber schnell ökumenisch: 10 Jahre lang war ich bei der katholischen Pfadfinderschaft St. Georg. Ja, und dann habe ich auch Erfahrungen mit der Freien Evangelischen Gemeinde gemacht...

Mein Gesangbuch (Evangelische Kirche von Hessen Nassau, 1957), das mir von meiner Mutter für den Konfirmationsunterricht geschenkt wurde, blieb mein Begleiter. Und dann ist es ja jene Offenbarung, die man in wenigen Minuten erlebt, die einem zeigt, dass man trans* ist - entscheidende, beglückende Erkenntnisse über die eigene Identität. Das ist eine Botschaft über das eigene Wesen, das man hat, das einem von Gott gegeben wurde. Es ist ein Wesen und Leben, das dann auch von Gott geschützt wird. So steht in der 2. Strophe des Kirchenliedes "Sollt ich meinem Gott nicht singen" (1641):

"Wie ein Adler sein Gefieder, über seine Jungen streckt - also hat auch hin und wieder, mich des höchsten Arm bedeckt - alsobald im Mutterleibe, da er mir sein Wesen gab - und das Leben, das ich hab, und noch diese Stunde treibe..."

Das Lied stammt von Paul Gerhardt (1607-1676), der die Menschen im 17. Jahrhundert mit seinen Chorälen getröstet hat. Generationen evangelischer Christen haben diese Lieder nach der Reformation an vielen Sonntagen gesungen. Und Gerhardts Text gilt auch im 20. Jahrhundert und auch für transidente Menschen, die als Gottes Geschöpfe unter seiner Obhut Teil der Welt sind. Wir informieren uns weiter, indem wir ebenfalls die zweite Strophe des Kirchenliedes "Lobet den Herren..." (1665) von Joachim Neander (1650-1680) anschauen:

"Lobet den Herren, der alles so herrlich regieret - der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet - der dich erhält, wie es dir selber gefällt - hast du nicht dieses verspüret?"

Welcher weltliche Regent tut das in dieser Form? Gott führt die Menschen und erhält sie dabei so "wie es ihnen selber gefällt". Das gilt auch für Trans*menschen. Die Botschaft lautet: Mach etwas aus Deiner Transidentität. Bewirke etwas in der Gesellschaft, für die Gesellschaft und für Deine Mitmenschen. Das ist auch Deine Verantwortung! Und gerade der Reformationsgedanken zielt auf das Individuum: Der individuelle Glauben bietet den Zugang zu Gott. Mit meinem Wesen. Unterschiedslos. Auch für Trans*menschen.

Und dann zweitens das Verhältnis von Trans* zur Kirche allgemein: Transidentität (weitere Erklärungen siehe diese Website!) ist nicht nur eine "Normvariante" der Natur, sondern findet sich in sämtlichen Kulturen der Welt. Und die Kirche und der christliche Glauben als Teil der Kultur umfassen auch Trans* bzw. transidente Menschen. In diesem Sinne zeigt die Kirche beispielhaft, wie stark und eng transidente Menschen verklammert sind mit unserer Kultur und unserer Gesellschaft. Wir transidente Menschen sind ein Teil dieser Gesellschaft. Umgekehrt erfährt die Kirche damit Vielfalt und Diversität. Sie lebt das Miteinander.

Die Reformation stärkt diesen Gedanken. Sie durchbrach 1517 die klassische soziale Hierarchie in der Gesellschaft des damaligen Alten Reiches. Jeder sollte die Bibel lesen und verstehen können. Man wandte sich gegen einen allzu weltlichen Klerus, der sich nach Meinung vieler Zeitgenossen letztlich vom Glauben abgewandt hatte. Die Freien Reichsstädte versuchten, ihre Unabhängigkeit gegenüber den Landesherren zu wahren. Beide wollten im Konflikt mit Rom die Hoheit über die Kirchen in ihrem jeweiligen Einflussbereich bekommen. Es ging um Mitbestimmung. Auf verschiedenen Ebenen.

Es it in diesem Jahr viel die Rede von Martin Luther (1483-1546). Aber es war auch der Reformator Thomas Müntzer (ca. 1489-1525), der den Prozeß der Reformation entscheidend mitgestaltete und gerade für Trans* wichtig ist: Müntzer ging es um die damaligen Armen, letztlich um diejenigen, die seiner Ansicht nach in einer Lebenskrise einen meditativen Zugang zu Gott bekommen würden. Die Lebenskrise, der Verzicht ermöglichte nach Müntzer erst denZugang zum Wort Gottes, zur Bibel.  Das bedeutet: Die Reformationen wirft ihr Auge nicht zuletzt auf die Minderberechtigten, die Vernachlässigten, die "anderen Menschen". Zu Letzteren gehören auch die Trans*menschen, die durch die Reformation noch einmal ganz anders gesehen werden können.

Letzten Sonntag, am 22. Oktober 2017, fand ein Gottesdienst der Christuskirchengemeinde in Mainz zum Thema Trans* (der erste in Deutschland) mit dem Titel "Reformation für Alle*" statt. Das Reformationsjahr und der Zuspruch aus der evangelischen Kirche zu Trans* sind ein Zeichen unserer Zeit für Diversität, für Vielfalt und Toleranz!

Es grüßt Euch alle wieder...

Livia Prüll

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