Kann ein Trans*mensch über Trans* forschen?

Jeder Wissenschaftler_in steht es frei, ihr Forschungsgebiet zu wählen - zumindest grundsätzlich. Einschränkungen bestehen, wenn man sich entschliesst, seine Arbeit in einem bestimmten Forschungsprogramm durchzuführen und man dort dann einen Part übernimmt. Aber grundsätzlich muss das Thema zur Untersucher_in "passen". Und was heisst "passen"? Es heisst, dass das Thema auch irgendwo zu der Person gehört, zu ihren Einstellungen, zu ihrer Biographie. Das betrifft nicht nur die Geisteswissenschaftler_innen. Auch die Molekularbiolog_in wählt sich ihr Gebiet unter Einfluss ihrer Persönlichkeit.

Wir wissen das sehr genau, weil wir in die Wissenschaftsgeschichte geschaut haben. Vor allem nach 1945 ist dieser Zweig aufgeblüht: Gefragt wurde danach, wie wissenschaftliche Disziplinen entstehen, wie bestimmte Wissenschaftler_innen die Deutungsmacht über bestimmte Themen bekommen, wie das ausgehandelt wird, was man als wissenschaftliche Lehrmeinung bezeichnet. Ja, und dann schließlich auch, wie Wissenschaftler zu bestimmten Ideen kommen. Schliesslich wurde im Rahmen des sogenannten "practical turn" spätestens seit den 1990er Jahren des letzten Jahrhunderts auch das tägliche Handeln der Wissenschaftler_innen stärker "unter die Lupe genommen". Und spätestens dadurch wurde klar, dass die Forscher_in, wie der Historiker Peter Moraw das mal sinngemäss ausdrückte, nicht ihre Lebensbezüge an der Garderobe abstreift, wenn sie das Labor betritt. Die Geschichte zeigt uns das, weil deren Geschichten abgeschlossen sind. Wir können sie aus der zeitlichen Distanz untersuchen - und aus ihnen lernen.

Dementsprechend akzeptieren wir heute, dass es keine "objektive" Betrachtung des Untersuchungsgegenstandes gibt. Wir haben immer einen bestimmten Blickwinkel, aus dem wir die Dinge betrachten - die Kultur, aber auch die Natur. Was früher verleugnet wurde mit dem Anspruch, man könne sich "neben sich stellen", das wird heute auch als Vorteil gesehen: Menschen aus bestimmten gesellschaftlichen Bereichen bringen ihre spezifische Expertise mit in die Forschung und sie machen dadurch den Forschungsgegenstand bisweilen erst zugänglich. So können feministische Frauen über Frauengeschichte forschen und interessante Perspektiven erschliessen. Natürlich - wichtig ist, dass man sich des eigenen Blickwinkels bewusst ist und das immer wieder reflektiert.

In diesem Sinne können Trans*menschen auch Trans*forschung betreiben - sollte man meinen. Doch wie auch auf anderen Feldern, auf denen transidente Menschen einen Kampf um Selbstbehauptung führen, ist es auch in den Wissenschaften. Dabei gibt es drei Problemkreise, mit denen man es als forschender transidenter Mensch zu tun hat. Der Erste ist die Auseinandersetzung mit den eigenen Gleichgesinnten. So wird einem zuweilen vorgeworfen, dass man die Seite der Wissenschaftler_innen einnimmt und damit gleichsam Trans*interessen verrät, indem man sich zuweit vom politischen Aktivismus entfernt, der offen für Trans*interessen, nämlich für Empowerment (Selbstermächtigung) und Entpathologisierung eintritt. Solche Argumente werden vor allem dann gebraucht, wenn die betreffende Person beides macht: sich für Trans*interessen einzusetzen UND zu forschen. Das man die Hüte wechseln kann, wird nicht akzeptiert. Dabei ist es so, dass der Mensch in verschiedenen Kontexten durchaus unterschiedlich agieren kann - eine soziologische Binsenweisheit.

Der zweite Problemkreis betrifft die forschenden Cis*menschen. Diese argumentieren anders herum: Eigentlich sind die Trans*forscher_innen verkappte Politaktivist_innen, die nur Trans*interessen vertreten wollen und die Forschung invadieren. Und dann ist da das Unbehagen mit einem Thema, dass einen unruhig werden lässt. Solche Themen will man nicht im eigenen Institut haben oder im eigenen Fachbereich. Der dritte Problemkreis hängt damit zusammen und betrifft ein inhaltliches Problem: Beschäftigt man sich mit der Geschichte der Trans*identität des 19. Jahrhunderts kommt man nicht umhin, die problematische Rolle gerade der deutschen Psychiatrie herausszustreichen. Diese ettiketierte damals im Zeitalter der naturwissenschaftlichen Fundierung der bipolaren Geschlechterordnung die Menschen mit "conträrem Geschlechtsempfinden" (Carl Westphal) als erblich belastet, krank und pervers, als "Stiefkinder der Natur" (Richard v. Krafft-Ebing). Schnell wird einem polit-aktivistisches Psychiatrie-Bashing vorgeworfen. Aber es war eben so. Was man in den Quellen liest, ist eindeutig.

Damit hat man es schwer, wenn man als Trans*mensch Trans*forschung betreibt. Dabei kann das Wissen um den Gegenstand bei der Forschung so nützlich sein. Ein Beispiel: Bei meiner Arbeit über den oben zitierten Psychiater Carl Westphal habe ich gefunden, dass er in der entscheidenden Schrift zum Thema ausgiebig die Schilderungen von Menschen mt "conträrem Geschlechtsempfinden" zitiert. Da muss man immer aufpassen: Handelt es sich um dasselbe Phänomen, über das wir heute sprechen? Zumal damals Transidentität (den Begriff gab es noch nicht) und Homosexualität in eine Schublade gesteckt wurden. Nur aufgrund meiner Kenntnis der Lebensgeschichten von Gleichgesinnten konnte ich erkennen, dass eine von Westphal genau wiedergegebene Lebensgeschichte den heutigen Geschichten so entspricht, dass man sie nebeneinanderlegen kann, dass man eindeutig sagen kann: Westphal hatte transidente Menschen vor sich. Das Phänomen präsentierte sich also damals so wie heute. Westphal hätte also theoretisch "Transidentität" als besondere "Identität" erkennen können. Das er das nicht tat, lag am Zeitgeist, an seinem besonderen Blickwinkel, den er als Forscher hatte (siehe in der Publikationsliste auf dieser Website: Livia Prüll, Das Unbehagen am transidenten Menschen. Ursprünge, Auswirkungen, Ausblick, S. 275).

Wir sehen also: Trans*forschung durch Trans* geht nicht nur, sondern bietet einen besonderen bereichernden Zugang zum Thema, der bestimmte Dinge erst erkennbar macht. Hoffentlich setzt sich diese Erkenntnis bald durch.

Viele Grüße,

Eure Livia

 

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