"Der Spiegel" oder "Polizeiruf 110"?......

Was im "Spiegel" zu lesen war? Hier noch einmal eine Zusammenfassung: In der Ausgabe Nr. 4, 19.1.2019 wird der Kinderpsychiater Alexander Korte zum Thema Transidentät bei Kindern und Jugendlichen interviewt. Korte beschreibt die vermeindlich eklatante Zunahme der Trans*menschen in diesem Alter als "Zeitgeistphänomen", als Modeerscheinung. Dementsprechend bereitet ihm das Ganze "Sorgen". Aus diesem Grund malt er das Szenario einer Flut von Trans*kindern und -jugendlichen an die Wand.

Was ist der reale Hintergrund?: In der Bevölkerung gibt es nach den Zahlen, die wir haben (Anträge auf Personenstandsänderung) ca. 0,6 % Trans*menschen, davon sind nur ca. 0,25 % Kinder und Jugendliche. Ganz so einfach ist es also nicht. Man hat den Eindruck, dass Korte das Problem, das er in dem Interview beschreibt, selbst aufbaut. Und im Rahmen seiner Bemühungen, das Problem zu beseitigen, stellt er Behauptungen in den Raum, die nach bestehenden Erfahrungen kaum haltbar sind:

- Die Gabe pubertätsblockender Medikamente, die Kindern und Jugendlichen sowie den Eltern und den psychologischen Betreuer_innen Zeit für eine Entscheidungsfindung gibt, sei unverantwortlich...

- Zeichen für eine Transidentität müssten schon in der frühen Kindheit, spätestens im Grundschulalter vorhanden sein. Dabei wissen Experten mittlerweile, dass das Wesen der Transidentät geradezu dadurch gekennzeichnet ist, dass die Zeichen für die betreffende Person durchaus später erkennbar sind -  in der Pubertät, wenn man sich betreffend Geschlecht orientieren muss und manchmal noch später.

- eIn Alltagstest von einem Jahr sei erforderlich, um die Transidentität zu verfizieren. Der Alltagstest ist mittlerweile als völlig nutzlos erkannt worden und wird abgeschafft.

Die Transition von Kindern und Jugendlichen, so der Eindruck, der beim Lesen entsteht, sollte eher verhindert werden. Und nicht umsonst lehnt die Gesellschaft, in der Korte für das Ressort Wissenschaft und Forschung zuständig ist, nämlich die Deutsche Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft (DGSMTW) die neue S3-Leitlinie ab, die transidenten Menschen mehr Selbstbestimmungsrecht im Umgang mit ihrer Identität geben will. Mit dieser Haltung steht diese Gesellschaft unter den wissenschaftlichen Fachgesellschaften relativ einsam da. Die Realität sieht eben anders aus, als Korte sie beschreibt. Renomierte Psychotherapeuten haben in einem offenen Brief an den "Spiegel" die Unhaltbarkeit der genannten Behauptungen Kortes betont. Die Anzahl der Kinder- und Jugendlichen, die sich in ihrer eigenen Entscheidung der Transition irrten, liegt nach einem Befund des Kinder- und Jugendpsychiaters Bernd Meyenburg, der 3500 Gutachten nach dem Transsexuellengesetz auswertete, bei unter 1 %. Wie glücklich sind diejenigen Familien, deren Kinder im Einklang von seelischer und körperlicher Geschlechtsentwicklung leben können! Ich selbst spürte meine Inkongruenz erst im 13. Lebensjahr. Ginge es nach Herrn Korte, würde ich mich noch heute mit ihr herumschlagen.

Ganz anders die Folge "Zehn Rosen" des "Polizeiruf 110", der gestern, am 10.2.2019 im ARD ausgestrahlt wurde. Eine Trans*frau, Besitzerin eines Blumenladens, wird des Mordes an einer jungen Frau verdächtigt, hat Beziehungen ins Rotlichtmilieu. Zunächst ist für die Polizei alles klar. Erst ganz langsam entpuppen sich Urteile als Vorurteile. Sequenzen aus der Kindheit der Trans*frau werden eingespielt. Die Schikanierung durch Polizeibeamte in früherer Zeit wird erwähnt. Ein schwieriges Leben: Die Verleugnung durch ihren Geliebten, einen Bankangestellten. Da wird die Therapeutin der Trans*frau von der Polizei interviewt. Sinngemäß ging der Dialog: "Sie haben die positiven Gutachten über Pauline Schilling geschrieben. Andere Kollegen haben negative Gutachten geschrieben". Die Therapeutin: "Wissen Sie wie diese Gutachten entstehen? Ich weiss nach wenigen Sitzungen, ob meine Klientin transident ist oder nicht!". In der Tat. Der Generationenkonflikt zwischen älteren Psychotherapeut_innen auf der einen und moderaten gut informierten jungen Psychotherapeut_innen auf der anderen Seite. Die Regisseure haben sich hier wohl informiert. Hauptkommissarin Brasch und ihr Kollege werden immer nachdenklicher. Und letztlich ist Pauline Schilling nicht die Mörderin, sondern ein Polizist.

Überlagert wird das Finale durch den theatralischen Versuch des Mörders, sich von seinen eigenen Kollegen erschiessen zu lassen. Doch wer sich mit Trans* auskennt oder wer die heutigen Diskussionen zum Thema mitverfolgt, der erkennt im Schluss des Films einen Höhepunkt der Einfühlsamkeit in das Thema: Pauline kommt schliesslich zurück in ihren vereinsamten Blumenladen. Doch der Bankangestellte, ihr Freund ist dort: "Ich habe die Blumen inzwischen alle reingestellt. War das ok so?". Ihr Geliebter, ein Cis-Mann, hält zu ihr! Wie vielen Trans*frauen gelingt es, eine Beziehung zu einem Cis-Mann aufzubauen? Der Film hat mit der Schlussszene ein Tor in die Zukunft aufgestossen, vielleicht ohne dass das intendiert war!

Wo erfahren wir also mehr, im "Spiegel" oder im "Polizeiruf 110"? Wohl wenn wir Letzteres schauen! Das sollten wir vielleicht tuen - und hoffen, dass wir als transidente Menschen in Zukunft immer weniger die 110 wählen müssen.

Liebe Grüße an alle,

Livia