Trans*beratung als Ehrenamt....

Denn ohne ehrenamtliche Hilfe würde gas gesellschaftliche Leben in der Bundesrepublik kaum laufen. Und die Trans*beratung ist in diesem Sinne nicht mehr aus der Versorgung transidenter Menschen wegzudenken. Die "Peer-Beratung" bietet oft für Menschen, die darüber nachdenken, "Phänomenträger_innen" zu sein, die erste Anlaufstelle, den ersten Zugang zum Thema. Da trägt frau/man wochenlang die Telefonnummer einer Psychotherapeut_in mit sich herum. Soll ich anrufen oder nicht? Denn ich brauche ja diesen Zugang für all die anderen medizinischen Hilfeleistungen. Aber bin ich da auch bei der richtigen Adresse? Und dann wird ja auch alles "offiziell". Hier greift nun die Peer-Beratung, da es leichter ist, sich im Bewußtsein der Einhaltung von Schweigepflicht und Anonymität an eine Gleichgesinnte zu wenden. Man bekommt erste Hilfen in den Einstieg, Telefonnummern, Kontakte zu regionalen Selbsthilfegruppen. Auf dieser Basis werden dann auch die Hürden genommen, um sich an eine Psychotherapeut_in zu wenden. Oft werden - wie auch von Psychotherapeut_innen, zusätzlich Familienangehörige in die Beratung miteinbezogen. Das kann eine starke Entlastung für die "Betroffene" und deren Umfeld bedeuten. Dabei ist es eine Herausforderung, den Angehörigen das Phänomen zu erklären und sie zu Partner_innen im Transitionsprozess zu machen.

Peer-Beratung und Psychotherapie sind kein gegeneinander, sondern sie ergänzen sich, zumal die Psychotherapie auch zur Lebensberatung transidenter Menschen übergehen und endlich die Pathologisierungsschiene verlassen muss. Viele Psychotherapeut_innen teilen mittlerweile diese Ansicht. Dennoch gibt es hier, in der Bevölkerung und unter Fachleuten so gravierende Informationsdefizite, dass die Peer-Berater_innen zunehmend auch generelle Informationsdienste für sämtliche Bevölkerungsteile anbieten wollen und müssen. Davon handelte auch mein letzter Thread, der das neue "Kompetenzzentrum Trans* und Diversität Mittelhessen" beschrieb sowie dann auch die Ankündigung der Tagung "Trans* für Psychotherapeut_innen" - eine Tagung, die erfolgreich von den Arbeitskreisen Trans*Rheinland-pfalz und Trans*Hessen der dgti durchgeführt wurde.

Problem: Wir haben immer noch zuwenig Peer-Berater_innen. Der Bedarf übersteigt bei weitem die vorhandenen Möglichkeiten. Und dann: Die Peer-Beraterinnen werden immer besser geschult, aber sie verdienen nichts bzw. zuwenig. Wir haben zuweilen den meines Erachtens skandalösen Zustand, dass Peer-Berater_innen auf Hartz IV sind und dann noch ehrenamtlich die obigen Aufgaben wahrnehmen, Tag und Nacht erreichbar sind. Diese Trans*menschen können garnicht mehr in einem Beruf Fuss fassen, da sie von Aufgaben aufgesogen werden, die von den Vertreter_innen der Politik gerne gesehen, aber kaum unterstützt werden. Hessen ist mit dem Kompetenzzenrum jetzt einen entscheidenden Schritt nach Vorne gegangen. Andere Bundesländer sind hier zögerlicher.

Das bedeutet auch, dass die Unterstützung durch die Politik nicht der einzige Pfeiler bleiben darf, der Trans*arbeit unterstützt. Es hilft nichts, der Bereich muss teilweise auch dadurch kommerzialisiert werden, dass Gebühren für Beratungsstunden verlangt werden. Das aber auf einer sozialverräglichen Basis: So könnte man sich vorstellen, dass ein Grundbetrag von 10 bzw. 20 € erbeten wird, der auf der Grundlage einer Selbsteinschätzung erweitert werden kann. Ebenfalls können Beratungsstunden oder auch umfangreichere Hilfsleistungen, wie gemeinsames "Rausgehen" zum "Üben" durch Vortrags-, Workshop-, Tagungseinnahmen zumindest mitfinanziert werden. 

Diese Gedanken stelle ich mal in den Raum, und bin gespannt auf Rückmeldungen. Vielleicht gelingt es, eine Regelung zu finden, die von den meisten Cis*- und Trans*menschen akzeptiert wird.

Es grüßt Euch

Eure

Livia

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Kommentare

Kommentar von Chen Graf |

Liebe Livia, ich finde es wichtig, dass es Menschen wie dich gibt und andere Ehrenamtliche, welche sich um transidente Menschen kümmern, ein vereinbartes Entgelt ist eine gute Sache, leben und leben lassen. Nur zuschauen ist keine Lösung, von daher ist jede verantwortungsvolle Hilfe ein willkommener Beitrag, Transidenten dabei zu helfen sich selbst zu finden, um im besten Fall ein erfüllteres Leben zu verwirklichen. Ich wünsche allen Transmenschen an dieser Stelle, eine gute Selbstreflektion, erfahrene Begleitung, ein liebevolles Umfeld und vorallem Geduld mit sich selbst und den Menschen die ihnen begegnen. Die Liebe zum eigenen Leben zu verwirklichen und Selbstannahme sind treibende Kräfte, um auch schwierige Phasen überstehen zu können.

Liebe Grüße,
Chen

Antwort von Livia Prüll

Liebe Chen,

ich weiss nicht, ob man solche Wünsche noch besser ausdrücken kann. Ich danke Dir vor allem für Deine Unterstützung in Sachen "positive Botschaften" für die Trans*-Gemeinschaft. Von solchen positiven Botschaften haben wir viel zu wenige - dabei sind sie für die Lebensbewältigung so wichtig....

Liebe Grüße,

Livia

Kommentar von Chen Graf |

Liebe Livia,

Danke für deine anerkennenden Worte, wie Du weisst, sind meine Erfahrungen und Sichtweisen im Umgang mit Transidendität nicht nur ein Mitbringsel aus dem Schlaraffenland. Ich habe lange Zeit meine Konzentration, wie einen fokussierten Sonnenstrahl, durch eine Lupe gebündelt auf mein Selbst gerichtet und mich darin verloren, für eine gewisse Zeit ist das auch o.k., einfach um die eigene Existenz auszuloten. Gerade wenn es um Partnerschaft und Liebe geht, sind nicht nur wir Transidenten mit Ablehnung konfrontiert, denn alle anderen Menschen haben das Thema und wir alle müssen lernen damit umzugehen, genauso wie unsere Körperlichkeit nie ganz einer biologischen Frau entsprechen kann, neulich sagt eine Frau zu mir, Du hast so schöne Beine und gar keine Cellulite, dafür habe ich ihre pfirsichzarte Haut im Gesicht bewundert, niemand ist perfekt und ich finde es besser, sich auf das eigene Lebensgefühl zu konzentrieren, was ich selbst nicht nur an meinem Körper festmache, vielmehr liegt mir die Einheit von Körper, Geist und Seele am Herzen, das bedeutet auch die Grenzen des Machbaren auf meinem Weg zu akzeptieren. Ich ziehe zum Beispiel auch Freude aus dem Nichtrauchen und aus dem Verzicht von Alkohol, regelmäßiger Konsum steht keinem Menschen gut in's Gesicht. Wer sich nicht aufgibt, dem Leben zugewandt ist und lernt die eigene Existenz zu achten und zu lieben, dem öffnet sich in Krisen auch gerne mal ein Türchen, welches einen weiterbringt, wir müssen nicht alles alleine schaffen, aber das Meiste, so wie jeder Mensch, wir alle sind Freud und Leid unterworfen und aus dieser Sicht sitzen wir eh alle in einem Boot, ob ich dabei nun ein hübsches Sommerkleid trage oder Hosen, hauptsache der Kahn geht nicht unter. Neulich küsst ein Mann meine Hand und sagt: Du bist cool, ein Anderer: Du hast ganz schön graue Haare Du alter Sack, nicht gerade die feine englische Art. Das sind Episoden aus meinem Leben, natürlich ist mir der Handkuss lieber, aber Ablehnung erfahre ich auch, vielleicht lohnt es sich auch genauer hinzuschauen, von was für einem Menschen diese Aussage kommt, da relativiert sich dann einiges. Ich polarisiere, manche haben mich gerne und andere eben nicht und so geht es mir mit den Menschen da draußen auch. Mir hat ein lieber Mensch einmal gesagt: Ich bleibe mir selbst treu... Daran erinnere ich mich gerne und diese Worte haben mir mehr als einmal geholfen, mich meinem eigenen Leben zuzuwenden. Heute Abend hat mir der freundliche Kellner einen Kaffee ausgegeben, nicht weil er auf mich steht, vielleicht mag er an mir, dass ich mein Selbst nicht verstecke, ich bin so echt, danke für die Bohnen!

Liebe Grüße,
Chen

Antwort von Livia Prüll

Liebe Chen,

vielen Dank für diesen Bericht aus dem Alltag, der eben beides enthält: Sich freuen über sich selbst, dann aber auch sich selbst ein Stück weit relativieren zu können. Dies insowfern, als eben auch die Probleme anderer gesehen werden, man selbst dann auch die eigene Nabelschau verlässt und auf andere zugehen, mit anderen umgehen kann. Das ist ungeheuer wichtig. Und erstaunlicherweise wird dann auch von anderen gerade das wahrgenommen, auf das man so bei sich achtet und das man sein möchte: Der selbstbewusste Trans*mensch.

Liebe Grüße und weiterhin alles Gute und viel Kraft,

Livia

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